Landschaft: In unserer Region hat sich über Jahrhunderte hinweg ein besonders wertvolles Gefüge aus naturnahen Landschaftselementen und landwirtschaftlichen Nutzflächen entwickelt. Diese Vielfalt an landschaftlichen Erscheinungsformen, ist Lebensraum vieler in Niederösterreich selten gewordener Tier- und Pflanzenarten. Sie stellt einen Reichtum dar, der schätzens-, schützens- und erhaltenswert ist.

Landformung: Geologisch gesehen gehört die Region Wagram zur Molassezone. Im Tertiär (vor ca. 65 Mio Jahren) war sie vom Molassemeer bedeckt, das im Laufe der Jahrmillionen allmählich wieder verlandete. Durch Hebungen im Alpenvorland entstand schließlich vor ca. 11 Mio Jahren die "Urdonau", die von Krems über Hohenwarth, Ziersdorf, Hollabrunn floss und bei Mistelbach in das Pannonische Meer mündete. In der Eiszeit (Pleistozän) verlagerte die Donau ihren Lauf ins Tullnerfeld und formte den Wagram (Wogenrain). Die Eiszeit setzte vor ca. 1,8 Mio Jahren ein und war - abgesehen vom Wirken des Menschen - die letzte große landschaftsgestaltende Kraft. Während der kalten und trockenen Phasen, in der unsere Landschaft einer von eisigen Winden durchwehten Tundra glich, wurde der Löss, ein feines schluffiges Sediment, vom Wind aus den vegetationsfreien Gletschervorfeldern ausgeblasen, weithin verfrachtet und im Wagramland abgesetzt.

Werden der Kulturlandschaft:
Vor rund 40.000 Jahren wurden die Lössgebiete Niederösterreichs vom Menschen besiedelt. Es waren altsteinzeitliche Jäger und Sammler, die hier Wildpferde, Wisente, Mammuts, Wollnashörner u.a. jagten, was Funde von Mammutfossilien am Wagram belegen. Eine neue Dimension erhielten die Landschaftsveränderungen durch den Menschen am Ende der letzten Eiszeit durch den allmählichen Übergang zu einer bäuerlichen, sesshaften Lebensweise. Die neu entwickelten Methoden des Ackerbaues und der Viehzucht setzten eine Entwicklung in Gang, die als Ergebnis die Verwandlung der Naturlandschaft in eine Kulturlandschaft mit sich brachte. Zahlreiche Funde von Siedlungen der Jungsteinzeit, Latenezeit und Hallstattzeit am Fuße des Wagram sind Zeugen dafür. Es folgte durch Waldrodungen und die Bewirtschaftung eine Entwicklung hin zu unserer typischen Mosaiklandschaft mit Agrar- und Forstökosystemen, die durchsetzt waren mit naturnahen Landschaftselementen, Terrassen, Kellergassen und Hohlwege prägen das Erscheinungsbild der heutigen Landschaft. Mit der Intensivierung der Landwirtschaft und massiven Veränderungen der Landschaft durch Flurbereinigung, Straßenbau und Flussregulierungen gingen allerdings in den letzten 100 Jahren viele dieser naturnahen Ökosysteme verloren und führten zu einen Schwund an Pflanzen und Tieren.
 
 

Lösslebensräume und Hohlwege

 
     

Die Landschaft am Wagram wurde durch den Löss mitgeformt und bestimmt die Wirtschaftsweise des Menschen. Der Mensch setzte die Gestaltbarkeit der Landschaft fort. Hohlwege, Lösswände und Weingartenterrassen sind das prägnanteste Markenzeichen unserer Landschaft. Hohlwege durchschneiden in der gesamten Region die Wagramkante   und   das   Hügelland   nördlich  davon.

Besonders wertvoll sind  vegetationsfreie Steilwände  in
Hohlwegen
und Weingartenterrassen. Sie stellen z.B. für Wollschweber, Wildbienen, Grab-, Falten-, Weg- und Goldwepsen einen hervorragenden Lebensraum für die Anlage ihrer Brutröhren dar. Auch der Bienenfresser ist für die Anlage seiner Brutröhren auf diese Steilwändeangewiesen, die in der Folge auch von Steinkauz    und    Wiedehopf    genutzt   werden.   An

bewachsenen Vorsprüngen und Kanten finden wir Pflanzen der Trockenrasen und Löss-Steppen, wie z.B. Zwerg-Geißklee, Rundblatt-Glockenblume und Feld-Beifuß, Esparsetten-Tragant, Pfriemgras, Bartgras und Federgras. Im Schutz von Vorsprüngen baut der Ameisenlöwe raffinierte Fangtrichter.

     
 

Trockenrasen und Halbtrockenrasen

 
 

Die größte Vielfalt von selten gewordenen Pflanzen- und Tierarten sowie die enge Vernetzung über Wegraine und Böschungen machen unsere Blumen-, Magerwiesen und Lösstrockenrasen zum Rückgrat der besonders schützenswerten Landschaft am Wagram. Allgemein finden wir sie in Gegenden mit geringem Niederschlag,  vor allem an Südhängen,  an Standorten

und Böden mit geringer Wasserhaltefähigkeit. Besiedelt wird dieser Lebensraum von hoch spezialisierten Pflanzenarten, die unterschiedlichste Strategien entwickelt haben, um sich an den extremen  Wassermangel  anzupassen: z.B. Kuhschelle und Osterglocke,  Mannstreu und Graslilie , Pfriemgras und

Karthäusernelke, Fetthenne und Mauerpfeffer, oder Gelber Lauch und Milchstern. Trockenrasen sind bei uns Inseln der Vielfalt und bergen die größte Zahl gefährdeter Insektenarten, z.B. Gottesanbeterin, Segelfalter, Schachbrett-Falter, Schwalbenschwanz, Krabbenspinne, Kamelhalsfliege, Ölkäfer und viele andere mehr. Aber auch viele gefährdete Wirbeltiere benötigen diese Trockenbiotope als Lebensraum, z.B. Smaragdeidechse, das Ziesel und die Heidelerche.

     
 

Feuchtlebensräume - Quellen und Auen

 
 

Feuchtgebiete sind zwar in der Wagramer Landschaft aufgrund der geringen Niederschläge und der versickerungsfähigen Böden eine Seltenheit, sind aber unverzichtbare Mosaiksteine unserer Kulturlandschaft. Quellen sind nur dort zu finden, wo einen wasserstauende Schicht das Grundwasser an die Geländeoberfläche drückt , z.B. am Fuß des Wagram. 

Großflächig und weithin landschaftsprägend sind die Donauauen   und   die   Niederungen   des  Mühlkamps entlang seiner Mündung in die Donau. In den raren Feuchtgebieten finden wir Silberweiden-Auen, Erlensümpfe, Schluchtwälder, Schilfröhricht, Großseggenriede und Feuchtwiesen. Sie sind von zahlreichen Amphibien besiedelt: z.B. Laubfrosch, Teichfrosch, Grasfrosch, Wechselkröte und Knoblauchkröte. Auch viele andere gefährdete Tier- u. Pflanzenarten finden hier ihren Lebensraum: z.B. Sumpfgreiskraut, Farn-Scharfgarbe, Gelbe Teichrose, Eisvogel, Biber und Seeadler.

     
 

Wälder

 
     

Im Hügelland der Wagramer Landschaft sind wärme- liebende Eichenwälder typisch - mit Vogelkirsche, Wacholder und Ulme - sowie Föhren-Steppenwälder. Abgesehen vom großflächigen Waldgebiet der Donauauen finden wir Waldflächen nur dort, wo keine Eignung für die landwirtschaftliche Nutzung gegeben ist: An felsigen Kuppen, in tief eingeschnittenen Gräben, an steilen Nordhängen oder auf Böden ohne Lössüberdeckung. Altbaumbestände und Todholz bieten   Lebensgrundlage    für    eine    vielfältige    und

spezialisierte Insektenwelt und Vogelwelt. Die Vielfalt in unseren Wäldern wird noch weitgehend unterschätzt: Europaweit geschützte Vogelarten wie z.B. der Uhu sind hier genauso zu Hause wie Waldkauz, Kernbeißer, Fuchs, Haselmaus und Siebenschläfer, seltene Insektenarten wie der Hirschkäfer und Orchideen wie z. B. Frauenschuh und Waldvöglein oder das Leberblümchen als Frühlingsbote. Der Rothirsch kommt nur im Waldgebiet der Donauauen vor, das Reh finden wir hingegen in der gesamten Region.

     
 

Kultursteppe

     

Nirgends ist der Einfluss des Menschen auf die Landschaft so augenfällig wie hier. Kultursteppen sind jene offenen, weiten Landschaften, die durch menschliche Nutzung - meist Ackerbau - ihre heute Ausformung erfahren haben. Wir finden sie in den südlich an den Wagram angrenzenden Ebenen des Tullnerfeldes sowie in den großflächig kommassierten Ackergebieten am Hochfeld. Bei entsprechend naturnaher Bewirtschaftung beherbergen unsere Felder

und Wiesen eine reichhaltige, typische Tier- und Pflanzenwelt: Klatschmohn, Kamille, Kornrade, Kornblume, Feldhase, Feldlerche und Rebhuhn. Aber auch sie sind in unseren Fluren bereits selten geworden.

     
 

Nutzung und Vielfalt

 
     

In der Wagramer Kulturlandschaft sind uns bisher fast 200 gefährdete und selten gewordene Tier- und Pflanzenarten bekannt. Ein wesentlicher Überlebensfaktor für diese ist eine schonende Nutzung und enge Vernetzung ihrer Lebensräume. Die von der traditionellen Landwirtschaft geschaffene Kulturlandschaft zeichnete sich durch eine große Strukturvielfalt  aus:  Feldraine  grenzten  die  Felder ab

und schufen ein dichtes Netzwerk, das durch Hecken, Feldgehölze und Waldreste ergänzt wurde. Diese Vielfalt an Lebensräumen ermöglichte einen hohen Artenreichtum. Verschwinden nun diese Landschaftselemente verschwinden auch die darauf angewiesenen Tiere, z.B. Wiedehopf und Steinkauz, oder das Rebhuhn. Vor allem die Weingärten mit hohen Anteil an Einzelbäumen, Gebüschgruppen und Trockenrasen, die durchzogen sind von Gräben, Lösswänden und Hohlwegen stellen hier einen unschätzbaren Wert dar.

 
Daher schützt und schätzt unseren Wagram, denn wir haben nur diesen einen!
 

Textauszüge Folder Landschaft am Wagram,  Region Wagram - Arbeitskreis Landschaft